Panorama XL

Was ist Aikido

"Körper und
Geist in
Übereinstimmung
mit der Natur
"

Aikido, der "Weg mit Ki zu einer Einheit zu gelangen" (Tohei Koichi, 1987), der "Weg der göttlichen Harmonie" (Werner Lind, 1996), der "Weg der Harmonie mit der geistigen Kraft" (Heinz Pratt, 1987), der "Weg zur Konzentration der Lebensenergie" (Alexander Dolin, 1988), "Körper und Geist in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Natur und in Harmonie zueinander bringen" (Weinmann, 1991), die "flexible Kampfkunst der göttlichen Harmonie" (Reid/Croucher, 1986) ist ein moderner Ju-Jitsu Stil.

Im folgenden soll die Entwicklung, Verbreitung und Differenzierung des Aikido-Systems beleuchtet werden. Dies kann in der Kürze natürlich nur an der Oberfläche bleiben. Für tiefer gehende Fragen sei auf das Literaturverzeichnis am Ende des Textes verwiesen. Insbesondere ist der Lebenslauf des Aikido -Begründers Ueshiba Morihei (1883-1969) nicht Gegenstand dieses Textes, für die Entstehung und das Selbstverständnis des Aikido aber von großer Bedeutung.

Ueshiba hatte bereits seit seiner Kindheit Erfahrungen im Sumo und Ju-Jitsu gemacht, als er 1915 auf Hokkaido Takeda Sogaku, den Großmeister des Daito-Ryu-Aiki-Jitsu traf und sein Schüler wurde. 1922 erhielt Ueshiba von Takeda Sogaku die Erlaubnis als Ausbilder in Ayabe tätig zu werden (Shihandai). Die "volle Übertragung" (Soden) der Daito-Ryu-Techniken erhielt er nie. 1927 eröffnete er eine Schule in Tokyo und 1931 das Kobukan. Er nannte seinen Stil erst Aiki-Jitsu, dann Aiki-Budo und schließlich nach seinem Umzug 1942 nach Iwama Aikido. 1948 wurde der Aikikai zur Förderung des Aikido in Japan und dem Rest der Welt gegründet.

In Deutschland wurde Aikido von Gerd Wischnewski eingeführt. Dieser gründete 1965 zusammen mit Rolf Brand die Sektion Aikido im Deutschen Judo Bund (DJB). Im gleichen Jahr kam im Auftrag des Aikikai Asai Katsuaki nach Deutschland um Aikido zu verbreiten. Eine Zusammenarbeit mit dem DJB scheiterte jedoch, so daß der Aikikai Deutschland entstand. 1976 lösten sich die meisten Aikidoka vom DJB und gründeten den Deutschen Aikido Bund (DAB). Die im DJB verbliebenen Aikidoka lehnten sich an Shimizu Kenji (Tendoryu) an, und mußten den DJB 1993 verlassen. Es entstand der Tendoryu Aikido Verband Deutschland. Vom Aikikai Deutschland spaltete sich 1984 die Freie Deutsche Aikido Vereinigung (FDAV) ab, die sich an Nobuyoshi Tamura orientiert.

Das Techniksystem des Aikido besteht aus Nage-Waza, Osae-Waza und ergänzend aus Atemi-Waza in verschiedenen Anwendungsformen mit und ohne Waffen. Dazu existiert ein meist recht abgeschlossener Angriffskatalog. Die Technikausführungen zeichnen sich meistens durch weiche runde Dreh- und Spiralbewegungen aus. Die Ausprägung dieser Bewegungen von "lang und weich" bis "kurz und hart" zusammen mit einer entsprechend (tiefen) Interpretation der dem Aikido zugrunde liegenden Philosophie Ueshibas ist das Unterscheidungsmerkmal der einzelnen Stilrichtungen. Diese Bandbreite läßt sich durch die Entwicklung Ueshibas und seines Aikidos erklären: Seine Techniken wurden weicher und runder, sein philosophisches Konzept tiefer und dichter im Laufe der Zeit. Aber nicht alle Schüler machten diese Entwicklung mit und trennten sich von ihm, bzw. legten später verschiedene Schwerpunkte. Neben den Techniken lehrte Ueshiba auch ein System von Lauten, Bija genannt, in denen sich das Ki manifestieren sollte. Dieses System ist jedoch kaum noch bekannt und wird nur noch selten gelehrt.

 

"Weg zur
Konzentration
der
Lebensenergie"

Ueshiba lehrte, im Kampf nicht den Sieg zu suchen, sondern die Einheit mit dem Gegner. Er sah den Selbstverteidigungsaspekt nur indirekt: "Budo heißt nicht den Gegner durch Gewalt zu schlagen; es ist auch kein Mittel, die Welt durch Waffengewalt zu zerstören. Das wahre Budo besteht darin, einen universellen Geist der Liebe zu entwickeln, den Frieden in der Welt zu erhalten und allem zur natürlichen Reife zu verhelfen." (Nach K.Ueshiba, 1963 in Kraus/Wagner 1992) Im gesamten Technikteil, d.h. bei Techniken, Ausführung, Stellungen und Bewegungen wird ein großer Einfluß des Schwertkampfes deutlich. Die zum Teil tiefen religiösen (philosophischen) Schichten des Aikido beinhalten Einflüsse aus dem Daoismus, Shintoismus, Zen-Buddhismus. Im wesentlichen baut sie auf den Prinzipien Ai, Ki, Do, Irimi und Tenkan auf. Dazu kommen die Elemente Kamae, Ma-Ai, Sabaki, Tegatana, Hara, Kuzushi, Kokyu, Ukemi.

Die Bedeutung der Prinzipien kann hier nur kurz angerissen werden:

Ai - die Liebe zum Universum, zur Natur, zum Angreifer; die Harmonie mit dem Universum, den Naturgesetzen, der geistigen Kraft (Ki); steht für die ethische Entwicklung die der Aikidoka durchlaufen soll; Verkörpert das Endziel der wahren Freundschaft der Menschen

Ki - die universelle geistige Kraft; diese Auszubilden ist das Ziel des Trainings; Ki erzeugt Leben und Wachstum; Konzentriert sich im Hara; Manifestiert sich im Atem

Do - Weg, Pfad, Grundsatz, Lehre, Philosophie, Prinzip, Methode; ist im Zusammenhang mit seiner Bedeutung im Zen-Buddhismus zu sehen; den Weg zu finden und zu folgen ist das Ziel jedes Schülers; dabei wird er von seinem Meister unterstützt; Im Mittelpunkt des Weges steht die Übung, deren Ziel nicht erlernen von Fertigkeiten ist, sondern Erkennen der Sinnbestimmung des Lebens und Erweiterung des in einem liegenden Potentials

Irimi- Hineingehen; positive, aktive Form; "Innerer" Eingang; Kraft des Partners auf diesen zurücklenken; schnelle Entscheidung suchen; frühes Eintreten in den Aktions- oder Kraftkreis des Partners; resultiert aus Entschlossenheit; charakteristisch: gradliniges Sabaki oder Gleitschritte; Voraussetzung: gute Stellung, ausgebildetes Zentrum

Tenkan- "sich um einen Zwischenraum drehen wie ein Rad"; ausweichender, "äußerer" Eingang; negative, passive Form; weiterleiten der Angriffskraft auf eine Kreisbahn; Prinzip des Nachgebens; Umwandlung und Neutralisation der Angriffsenergie; Einatmen von Uke´s Ki; Voraussetzung: freier Geist, gelöster Körper.

Literaturverzeichnis

Brand, Rolf: Aikido, Niedernhausen 1990
Czerwenka-Wenkstetten, Heribert, Dr.: Kanon des Nippon-Ju-Jitsu, Wien 1993
Dolin, Alexander: Kempo - Die Kunst des Kampfes, Berlin 1988
Gerber, Hartmut: Was ist Aikido, in Sport-Rhode: Das Budo-ABC, Dreieich-Sprendlingen 1988, S.455-457
Gerber, Hartmut: Aikido-Geschichte, in Sport-Rhode: Das Budo-ABC, Dreieich-Sprendlingen 1988, S.487-489
Heckler, Richard: Aikido und der neue Krieger, Essen 1988
Kraus, Andre/Wagner, Winfried: Aikido für Einsteiger, Berlin 1992
Lind, Werner: Ostasiatische Kampfkünste - Das Lexikon, Berlin 1996
Reid/Croucher: Der Weg des Kriegers, München 1986
Trevisan, Adriano: Aikido - Das große Lehr- und Übungsbuch, Bern 1991
Velte, Herbert: Budo-Lexikon, Bad Homburg 1985
Weinmann, Wolfgang: Das Kampfsportlexikon, Berlin 1991

Michael Hoffmann

 

 
 
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